Logo HelpYourselfSeit sieben Wochen bin ich frisch gebackene Zweifach-Mama eines strammen und sehr süßen Jungen. Uns geht es gut und wir lernen uns so allmählich kennen. 

Unser Familienleben hat sich durch den Neuankömmling natürlich sehr verändert. Nun sind aus drei vier geworden. Auf einmal kümmerst du dich nicht nur um ein Kind, sondern auch um ein zweites und beide möchten die gleiche Aufmerksamkeit haben. So ist es nicht selten der Fall, dass ich abends einfach mal platt bin und meine Ruhe haben möchte, um neue Kraft zu tanken. Das funktioniert für mich am besten in der Natur.

So kam es, dass ich meinem Mann sagte, dass mir ein Spaziergang mit unserem Sohn gut tun würde – allein. Mit Kopfhörern in den Ohren, einem schlafendem Baby im Kinderwagen und bei einer schönen abendlichen Stimmung ging ich los. Ich genoss die Ruhe und die seichte Musik auf den Ohren. 

Es war herrlich – solange, bis mir ein fremder Mann „Hallo“ sagte  und einen „guten Abend“ wünschte.

Fragen über Fragen

Ich sah ihn schon aus weiter Ferne. Er unterhielt sich angeregt mit einem in einem pinken Sportdress gekleideten Inlineskater. Kurz bevor ich die beiden passierte, verabschiedeten sie sich.  Nichts ahnend und völlig gedankenfrei ging ich weiter – bis das „Hallo“ kam. Ich nickte freundlich und wollte gerade meinen Weg fortsetzen, da kam er auch schon auf mich zu. Anscheinend war das Nicken eine Einladung für ihn, eine Unterhaltung mit mir zu beginnen. Er war Mitte 50, trug eine Brille, Jogginghose und ein Shirt auf dem in großen Buchstaben das Wort Nein stand. Abgelenkt von seinem Dress wollte ich natürlich wissen, was darüber in kleineren Buchstaben stand: „Um aus Shakespeares Hamlet Akt. 4, Szene 5, Vers 28 zu zitieren:“ Mein erster Gedanke war, ob die Zitatangabe stimmte, mein zweiter, was mag das für ein Mensch sein und der dritte, was das ganze soll. Während ich meinen Fragen nachging, war er schon mitten im Gespräch oder besser im Monolog. Er registrierte gar nicht, dass ich Kopfhörer in den Ohren hatte. Ich nickte mit dem Kopf, um ihm zu signalisieren, dass ich zuhörte, obwohl sich in mir ganz andere Zustände abspielten. Ich wollte Ruhe und kein Gespräch über die Klimakatastrophe, die DDR, den Zucker in unserem Essen, die Flüchtlingskrise oder die Krankheit seiner Mutter – und all diese Themen in knapp 10 Minuten. Doch ich lies es geschehen. Warum? 

Wir wollen den anderen nicht vor den Kopf stoßen

In einem unserer wöchentlichen Meetings erzählte ich meinen Helpys von dem Erlebnis und dass ich mich über mich selbst geärgert hatte, da ich keine Grenze zog. Ich wollte meine Ruhe, habe mich aber von Mr. Shakespeare aus der Ruhe bringen lassen. Die zwei kannten es nur zu gut. 

Ein Grund für mein Verhalten könnte Höflichkeit gewesen sein, man möchte den anderen nicht kränken. Dabei ist es nur ehrlich und aufrichtig, zu sagen:„Guter Mann, bitte hören Sie mir zu. Es war ein anstrengender Tag. Ich möchte gerne in Ruhe einen Spaziergang machen. Bitte lassen Sie mich meines Weges gehen.“ oder, um es mit Shakespeares Worten zu sagen „Nein!“. Es erfordert Überwindung, denn man möchte ja nicht, dass dein Gegenüber schlecht von dir denkt. Wenn ich darüber nachdenke, ist es alles hausgemachter Blödsinn! All diese Verwirrungen, obwohl ich nur einen Spaziergang machen wollte. 

Noch dazu war mein Verhalten ihm gegenüber unfein. Auch wenn es mich wenig interessierte, was er zu sagen hatte – ihm war es wichtig. Und ich war die ganze Zeit mit anderen Gedanken beschäftigt. Das ist ihm gegenüber natürlich respektlos. Schließlich möchte ich, wenn ich mich mit jemandem unterhalte, dass dieser mir aufrichtig zuhört.  

Was haben wir daraus gelernt? Shakespeare ist ein oller Klugscheißer. Nein, ist er nicht – bzw. ich weiß es nicht. Aber er hat Recht. In solchen Situationen ist es gut, gleich klar zu kommunizieren, was man möchte. Und ich wollte von Anfang an meine Ruhe.

Ich gelobe Besserung! 

 

Text: Karolin Schulz

 

 

Mit Shakespeare lernen „Nein“ zu sagen